Es gibt einen Moment Ende Juni, den viele kennen und über den wenige reden. Man steht in einer Umkleidekabine mit schlechtem Licht, hält etwas in der Hand, das man vorletztes Jahr gekauft hat, und der Kopf sagt einen Satz, den man einem anderen Menschen niemals sagen würde.
Woher dieser Ton kommt
Nicht aus dem Spiegel. Der Spiegel zeigt nur einen Körper, der einen durch das Jahr getragen hat.
Der Ton kommt aus einer sehr langen Reihe von Bildern. Aus Zeitschriften, aus dem Handy, aus einem Satz, den eine Tante vor zwanzig Jahren beim Mittagessen gesagt hat und der aus irgendeinem Grund geblieben ist. Wir haben das nicht erfunden, wir haben es übernommen. Das ist keine Entschuldigung, aber es ist eine Erleichterung: Der strenge Kommentar ist nicht die Wahrheit, er ist eine Gewohnheit.
Die freundliche Nachricht vom Badeteich
Gehen Sie einmal an einem heißen Julitag an die Alte Donau oder an einen beliebigen See im Salzkammergut und schauen Sie sich um. Wirklich hinschauen.
Dort liegen Körper aller Bauarten. Menschen mit Narben, mit Bäuchen, mit sehr weißen Beinen, mit Dehnungsstreifen, mit siebzig Jahren, mit Tattoos, die vermutlich einmal eine gute Idee waren. Und keiner davon schaut den anderen an.
Der Grund ist so banal wie tröstlich: Alle sind mit sich selber beschäftigt. Die Aufmerksamkeit, die wir befürchten, existiert schlicht nicht.
Was praktisch hilft
- Kaufen Sie etwas, das passt, nicht etwas, in das Sie hineinpassen wollen. Ein Badeanzug, in dem man sich ständig zurechtzupft, ruiniert einen ganzen Tag. Einer, der sitzt, verschwindet aus dem Bewusstsein, und darum geht es.
- Anprobieren zu Hause, nicht in der Kabine. Das Licht dort ist eine Beleidigung.
- Ein großes Handtuch, ein leichtes Hemd, was auch immer Ihnen den Weg vom Liegeplatz zum Wasser leichter macht. Es gibt keinen Preis für Tapferkeit.
- Und: den ersten Sprung ins Wasser schnell machen. Danach ist die ganze Frage sowieso erledigt.
Der Satz, den Sie sich verbieten dürfen
„Ich mach das, wenn ich ein paar Kilo weniger hab." Diesen Satz kenne ich von sehr vielen Menschen, und ich habe noch bei niemandem erlebt, dass danach der Sommer kam, in dem es dann passt.
Man verschiebt so nicht ein Kilo. Man verschiebt einen Juli.
Wenn Dating dazukommt
Im Sommer wird der Körper sichtbarer, und für viele Singles ist genau das der unangenehme Teil. Kurze Hosen, Freibad, ein Wochenende am See mit jemandem, den man erst seit drei Wochen kennt.
Zwei Dinge dazu. Erstens: Menschen, die sich für Sie interessieren, interessieren sich für Sie und nicht für eine Vermessung. Wer beim ersten gemeinsamen Badetag etwas Abschätziges sagt, hat Ihnen einen Gefallen getan, denn jetzt wissen Sie es früh.
Zweitens: Unsicherheit ist keine Schande und muss nicht versteckt werden. Ein leichter, ehrlicher Satz („ich brauch immer eine Minute, bevor ich das Handtuch weglege") nimmt der Sache mehr Gewicht als jedes Bemühen, souverän zu wirken.
Wie man mit anderen darüber redet
Es gibt eine Gewohnheit, die sich in vielen Freundinnenrunden eingeschlichen hat: sich gegenseitig schlechtmachen, um höflich zu wirken. Eine sagt, sie könne sich so nicht sehen lassen, die andere sagt sofort dasselbe über sich, und dann sind alle einig, dass es schlimm steht.
Das klingt nach Solidarität, ist aber ein Training. Jeder dieser Sätze verfestigt den Ton im eigenen Kopf.
Man kann aussteigen, ohne belehrend zu wirken. Einfach nicht mitmachen. Wenn jemand über den eigenen Bauch schimpft, muss man nicht widersprechen und auch nicht nachziehen. Ein „ich find dich super, so wie du bist" und dann Themenwechsel reicht völlig.
Was der Körper eigentlich tut
Er kühlt, er atmet, er schwitzt, er schleppt Getränkekisten in den vierten Stock ohne Lift. Er merkt sich, wie kaltes Wasser sich anfühlt. Er wird abends müde, weil er den ganzen Tag draußen war.
Das ist ziemlich viel Leistung für etwas, dem man morgens beim Anziehen einen bösen Satz sagt.
Wenn es tiefer sitzt
Wenn diese Gedanken den Alltag bestimmen, wenn Sie Einladungen ausschlagen, wenn das Essen zum Kampf wird, dann ist es sinnvoll, mit einer Fachperson darüber zu reden. Es gibt in Österreich gute Anlaufstellen dafür, und der erste Anruf ist der schwierigste Teil.
Für alle anderen gilt heuer dasselbe wie letztes Jahr: Der See ist kalt, die Sonne geht um halb neun unter, und in zehn Jahren werden Sie sich an nichts davon erinnern, außer daran, ob Sie drinnen waren oder nicht.



