Alle reden vom Samstagabend. Vom Alleinsein, während andere feiern. Ehrlich gesagt: Der Samstagabend ist harmlos. Da gibt es Serien, da gibt es Lieferservice, da gibt es das gute Gefühl, dass man sich das ausgesucht hat.
Schwierig ist der Sonntag um halb vier.
Warum ausgerechnet diese Stunde
Der Vormittag hat noch Struktur - man schläft aus, man frühstückt spät, man geht vielleicht Semmeln holen. Und dann ist alles erledigt. Die Wäsche hängt, der Kühlschrank ist voll, die Wohnung ist aufgeräumt, und es sind noch sechs Stunden bis zu einer Uhrzeit, zu der man ohne schlechtes Gewissen ins Bett gehen kann.
Draußen wird es ab Ende September um diese Zeit schon merklich dämmrig. Von unten hört man ein Auto. Irgendwo im Haus lacht jemand. Und man sitzt da und denkt: Jetzt wäre wer schön.
Das ist kein Zeichen von Schwäche und auch kein Beweis dafür, dass mit einem etwas nicht stimmt. Es ist ein völlig normaler Moment, in dem der Terminkalender aufhört, uns zu beschäftigen, und wir uns selber begegnen. Nur eben ungeschützt.
Der Fehler, den fast alle machen
Man greift zum Handy. Instagram, dann die Dating-App, dann wieder Instagram. Und dort ist Sonntagnachmittag: Wanderfotos, Brunchtische mit vier Händen im Bild, jemand hat einen Hund und einen Partner und offenbar auch besseres Wetter.
Das macht es schlechter. Immer. Ohne Ausnahme.
Wenn ich mir eine einzige Regel für diese Stunde aussuchen dürfte, dann diese: kein Scrollen zwischen drei und fünf. Nicht weil Social Media böse ist, sondern weil man ausgerechnet in dem Moment vergleicht, in dem man am dünnhäutigsten ist.
Was tatsächlich hilft
Ich habe da über die Jahre einiges ausprobiert, und das meiste war Unsinn. Ein paar Dinge sind geblieben.
- Raus. Auch wenn es niesel. Vierzig Minuten gehen, ohne Ziel. Der Kopf sortiert sich beim Gehen anders als beim Sitzen, das ist kein esoterischer Spruch, das merkt man am eigenen Atem.
- Etwas kochen, das dauert. Nicht schnell. Lang. Ein Gulasch, ein Sugo, etwas, das zwei Stunden am Herd steht und die Wohnung riechen lässt, als wäre wer da.
- Anrufen statt schreiben. Die Freundin in Graz, die Tante, der alte Studienkollege. Fünfzehn Minuten Stimme wirken anders als vierzig Nachrichten.
- Eine feste Sonntagssache erfinden. Meine ist das Bügeln mit einem Hörbuch. Fad? Ja. Trägt aber.
Die Sache mit dem Sonntagabend-Kater
Bei vielen mischt sich in diese Stunde noch etwas anderes: die leise Angst vor der Woche. Der Montag ist am Sonntag um halb vier bereits im Raum, auch wenn er noch nicht darf. Und wenn dann niemand da ist, mit dem man sagen kann „mah, morgen wieder", dann trifft beides gleichzeitig ein.
Es hilft ein bisschen, das auseinanderzuhalten. Fehlt mir jetzt gerade ein Mensch? Oder fehlt mir gerade Ruhe vor dem Montag? Das sind zwei verschiedene Sachen und sie brauchen verschiedene Antworten.
Der Unterschied zwischen allein und einsam
Diese zwei Wörter werden gern in einen Topf geworfen, und das ist unfair gegenüber dem ersten. Allein zu sein ist ein Zustand. Einsam zu sein ist ein Gefühl, und es kann einen auch in einem vollen Wohnzimmer erwischen.
Ich kenne Leute, die jeden Abend Besuch haben und trotzdem das Gefühl haben, dass ihnen niemand richtig zuhört. Und ich kenne Leute, die vier Tage die Woche allein zu Abend essen und dabei völlig zufrieden sind, weil sie zwei, drei Menschen haben, bei denen sie sich melden können, wenn es zählt.
Wenn der Sonntagnachmittag schwer wird, hilft es, sich zu fragen, was gerade fehlt: Gesellschaft oder Verbundenheit. Für Gesellschaft reicht ein Kaffeehaus mit Leuten drin. Für Verbundenheit braucht es einen Anruf, und zwar bei jemandem, dem Sie tatsächlich sagen, wie es Ihnen geht, und nicht die höfliche Kurzfassung.
Alleinsein ist nicht das Gegenteil von Beziehung
Man hört oft, man müsse erst lernen, gern allein zu sein, bevor man jemanden findet. Ich halte das für halb wahr und halb Druck. Denn niemand ist immer gern allein, auch Menschen in Beziehungen nicht.
Was aber stimmt: Wer den Sonntagnachmittag einigermaßen aushält, geht am Dienstag entspannter auf ein Date. Weil dann nicht die ganze Woche an diesem Treffen hängt. Das spürt das Gegenüber, und zwar sofort.
Und wenn es mehr ist als eine Stunde
Wenn sich diese Schwere über den Sonntag hinaus zieht, wenn Wochen vergehen, in denen nichts mehr Freude macht, dann ist das kein Sonntagsproblem mehr. Dann ist es völlig in Ordnung, mit jemandem zu reden, der das beruflich macht. Das ist keine Kapitulation, das ist ungefähr so vernünftig wie zum Zahnarzt zu gehen, bevor der Zahn ganz kaputt ist.
Für alle anderen: Machen Sie sich einen Tee, schauen Sie zum Fenster hinaus, wie das Licht über die Dächer geht. In zwei Stunden ist es Abend, und der Abend war noch nie das Problem.



