Es gibt diesen Mythos vom Paar, das nie streitet. Man begegnet ihm bei Familienfesten, und meistens stellt sich Jahre später heraus, dass dort einfach nichts mehr gesagt wurde.
Streiten gehört dazu. Die Frage ist nur, wie.
Der Anfang entscheidet fast alles
Beziehungsforscher beobachten immer wieder, dass sich der Ausgang eines Streits in den ersten Minuten abzeichnet. Wer mit einem Vorwurf beginnt, bekommt eine Verteidigung. Wer mit einer Verteidigung konfrontiert wird, legt nach. Und dann läuft es ab wie ein Zug, der schon rollt.
Der Unterschied liegt in einem einzigen Wort. „Du räumst nie auf" gegen „Ich bin genervt, wenn ich am Abend heimkomme und die Küche steht voll". Der erste Satz beschreibt einen Charakter, der zweite eine Situation. Über Situationen kann man reden. Über Charakter nicht.
Die vier Sachen, die Streits kaputtmachen
- Verallgemeinern. „Immer", „nie", „ständig". Diese Wörter stimmen fast nie und laden zur Widerlegung ein, statt zum Zuhören.
- Altlasten dazuholen. Wenn im Streit über das Geschirr plötzlich die Sache mit dem Geburtstag vom letzten Jahr auftaucht, geht es nicht mehr um das Geschirr, und dann ist der Abend gelaufen.
- Verachtung. Augenrollen, ein bestimmter Tonfall, das kleine Lachen. Das ist von allem hier das Schädlichste, weil es nicht mehr um die Sache geht, sondern um Rang.
- Der Rückzug. Kein Wort mehr sagen, den Raum verlassen, zumauern. Für den, der geht, ist es Selbstschutz. Für den, der bleibt, ist es die schlimmste Strafe.
Der Trick mit der Pause
Wenn es zu laut wird, hilft kein guter Wille mehr. Der Körper ist dann schon im Alarmzustand, das Herz schlägt schnell, und in diesem Zustand kommt nichts Vernünftiges heraus.
Vereinbaren Sie ein Signal für eine Unterbrechung, und zwar vorher, an einem ruhigen Tag. Zwanzig Minuten, jeder für sich, dann weiter. Wichtig ist der zweite Teil: Die Pause muss ein Versprechen enthalten, dass man wiederkommt. Sonst ist sie Rückzug mit besserem Namen.
Was fast immer funktioniert
Wiederholen, was der andere gesagt hat, bevor man antwortet. Es klingt nach Kursunterlage und man kommt sich dabei blöd vor. Es wirkt trotzdem, weil der Streit an dieser Stelle langsamer wird, und langsam ist genau das, was fehlt.
Und die Frage, mit der man einen festgefahrenen Streit öffnet: „Was brauchst du gerade von mir?" Nicht: Was willst du. Was brauchst du. Die Antwort ist oft überraschend klein.
Der Mai-Faktor
Es gibt Zeiten im Jahr, in denen mehr gestritten wird, und der späte Frühling gehört dazu. Alle sind unterwegs, die Wochenenden sind verplant, es kommen Einladungen, Hochzeiten, Ausflüge, dazu der Urlaub, der geplant werden will, und plötzlich verhandeln zwei Leute im Wochentakt über gemeinsame Zeit.
Wenn es bei Ihnen gerade viel kracht, schauen Sie einmal auf den Kalender, bevor Sie auf die Beziehung schauen. Manchmal ist es einfach zu viel Programm.
Die zwei Sorten von Streit
Es lohnt sich, sie zu unterscheiden, weil sie unterschiedlich behandelt gehören.
Die erste Sorte hat ein Problem im Kern, das gelöst werden kann. Wer holt am Freitag das Kind ab, wie wird das Geld aufgeteilt, wann wird die Waschmaschine repariert. Da geht es um eine Einigung, und wenn die steht, ist die Sache erledigt.
Die zweite Sorte hat kein lösbares Problem, sondern einen Unterschied. Einer braucht mehr Nähe, der andere mehr Raum. Einer plant gern, der andere nicht. Solche Themen kommen ein Leben lang wieder, und der Versuch, sie endgültig zu klären, macht sie schlimmer.
Bei der zweiten Sorte geht es nicht um Lösung, sondern um Umgang. Der Ton entscheidet, nicht das Ergebnis. Paare, die über ihre Dauerthemen mit einer gewissen Nachsicht reden können - manche sogar mit Humor -, haben es deutlich leichter als solche, die jedes Mal wieder gewinnen wollen.
Versöhnen ist ein Handwerk
Der wichtigste und am meisten unterschätzte Teil. Nicht jeder Streit muss gelöst werden, viele Themen kommen immer wieder und das ist normal. Aber jeder Streit sollte einen Abschluss haben.
Das kann ein Satz sein, eine Umarmung, ein gemeinsamer Spaziergang, ein Blödelwitz, den nur Sie zwei verstehen. Paare, die so etwas haben, kommen deutlich schneller wieder zueinander.
Und ein Satz, der mehr wert ist als jede Analyse: „Es tut mir leid, wie ich das gesagt habe." Man muss dafür nicht in der Sache nachgeben. Man entschuldigt sich für die Art, nicht für den Inhalt.
Wenn es nicht mehr geht
Wenn dieselben Streits seit Jahren im selben Wortlaut ablaufen, wenn nach jedem Krach etwas kaputtbleibt, dann ist eine Paarberatung eine gute Investition. In Österreich gibt es Beratungsstellen mit gestaffelten Tarifen, man muss dafür nicht wohlhabend sein.
Meistens geht es dort gar nicht um Lösungen. Es geht darum, dass jemand im Raum ist, vor dem beide sich zusammenreißen, und dann hört man einander plötzlich wieder.



