Im Juni verändert sich die Stadt. Um neun Uhr abends ist es noch hell, in den Gassen sitzen Leute auf Stufen, aus offenen Fenstern hört man Geschirr, und irgendwo spielt jemand schlecht Gitarre. Es ist die Jahreszeit, in der man am ehesten mit Menschen ins Gespräch kommt, die man nicht kennt.
Was daran anders ist
Im Winter passiert das Leben drinnen, in geschlossenen Räumen mit festen Zusammensetzungen. Man geht zu Freunden, ins Lokal mit den Kollegen, ins Kino. Der Kreis bleibt derselbe.
Im Sommer wird alles durchlässiger. Auf einer Wiese sitzen fünf Gruppen nebeneinander. Beim Freibad steht man an. Auf einem Fest steht man zufällig neben jemandem, der auch gerade wartet. Diese kurzen, zufälligen Kontakte sind das Rohmaterial, aus dem alles andere entsteht.
Der Unterschied zwischen aufreißen und ansprechen
Ich mag das Wort „aufreißen" nicht, und die Methoden, die dazugehören, funktionieren auch nicht besonders. Was funktioniert, ist unspektakulär: eine echte Bemerkung über die Situation, in der man sich beide befindet.
„Wissen Sie zufällig, ob die Schlange hier immer so lang ist?" Das ist keine geniale Eröffnung. Sie ist echt, und daran erkennt man den Unterschied. Wer angesprochen wird, spürt sofort, ob es um ein Gespräch geht oder um eine Nummer.
Und dann: Ein Nein akzeptieren. Sofort, freundlich, ohne noch einen Versuch. Das ist der ganze Anstand, den es dabei braucht.
Wo im Juni tatsächlich etwas los ist
- Openair-Kinos. Man sitzt lang, es gibt eine Pause, und alle sind in guter Laune.
- Die Donauinsel und die Alte Donau. Am Abend, nicht mittags.
- Straßenfeste und Bezirksfeste. Unterschätzt, weil sie ein bisschen kitschig sind. Genau deshalb ist die Stimmung locker.
- Laufgruppen, Volleyball im Park, alles, wo man sich anschließen kann, ohne sich anzumelden.
- Und, ganz nüchtern: der eigene Grillabend. Bitten Sie jeden Gast, jemanden mitzubringen, den die anderen nicht kennen. Das ist die wirksamste Einladung, die es gibt.
Was viele im Juni falsch machen
Sie warten auf die perfekte Gelegenheit. Auf den Abend, an dem sie gut ausschauen, gut gelaunt sind und der andere gerade allein dasteht.
Diesen Abend gibt es nicht, beziehungsweise gibt es ihn zwei-, dreimal im Sommer, und dann ist man müde oder hat schon vier Bier getrunken. Die realistischere Strategie ist unspektakulär: öfter hingehen. Wer in einem Sommer zwanzigmal draußen war, hat schlicht mehr Gelegenheiten gehabt als jemand, der viermal draußen war und dabei perfekt vorbereitet.
Man kann Zufall nicht erzwingen. Man kann ihm nur öfter im Weg stehen.
Der Haken am Sommer
Er ist flüchtig. Im Juni und Juli entsteht viel, und im September ist das meiste davon verdunstet. Das liegt nicht an den Menschen, sondern an den Umständen: Urlaube, Ortswechsel, drei Wochen nichts, und dann weiß niemand mehr, wie man das Gespräch wieder aufnimmt.
Wenn Ihnen jemand wichtig genug erscheint, machen Sie den nächsten Termin aus, bevor Sie auseinandergehen. Nicht „melden wir uns". Ein Tag, eine Uhrzeit. Das klingt fordernd, ist aber die höflichste Form von Interesse.
Der Alkohol-Faktor, ganz nüchtern betrachtet
Im Sommer wird viel im Freien getrunken, und ein Spritzer im Park macht das Ansprechen leichter. Das stimmt, und es ist auch nicht verwerflich.
Nur: Bekanntschaften, die um halb zwei in der Früh entstehen, halten selten bis zum nächsten Nachmittag. Nicht weil etwas Falsches daran wäre, sondern weil beide am nächsten Tag andere Menschen sind.
Wenn Ihnen jemand wirklich taugt, machen Sie einen Termin bei Tageslicht aus. Ein Kaffee am Samstagvormittag ist der ehrlichste Test, den es gibt. Wer da noch immer interessant ist, war es auch um zwei in der Früh.
Für alle, denen das Ansprechen ein Graus ist
Sie sind nicht allein, und Sie müssen es auch nicht können. Es gibt einen Umweg, der besser funktioniert: sich regelmäßig an denselben Ort begeben.
Dieselbe Laufstrecke am Dienstag. Derselbe Kurs. Dasselbe Beisl am Donnerstag. Wiederholung macht aus Fremden Bekannte, ganz ohne mutigen Moment. Nach dem vierten Mal grüßt man, nach dem achten redet man, und irgendwann sitzt man am selben Tisch.
Das dauert länger. Dafür fühlt es sich nie unangenehm an.
Und wenn Sie den Sommer allein verbringen
Dann verbringen Sie ihn. Das ist kein Wartezimmer. Es gibt Sommer, an die man sich sein Leben lang erinnert, und in denen war niemand dabei.
Fahren Sie irgendwohin, wo Sie noch nie waren, auch wenn es nur eine Stunde mit der Bahn ist. Springen Sie in einen See, der Ihnen zu kalt ist. Bleiben Sie länger draußen, als vernünftig ist, weil es hell bleibt und weil es im November nicht mehr geht.
Und wenn dabei jemand neben Ihnen steht und auch gerade wartet: reden Sie mit ihm. Mehr ist es nicht.



