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Kennenlernen

Warum im September plötzlich wieder alle daten wollen

9. September 2025

Sie kennen das vermutlich: Im Juli hat sich niemand gemeldet, im August auch nicht, und dann, irgendwann in der zweiten Septemberwoche, blinkt das Handy wieder. Drei neue Nachrichten. Eine davon sogar mit ganzen Sätzen. Der Herbst hat begonnen, und mit ihm die vielleicht ehrlichste Saison des Kennenlernens.

Der September ist unser zweiter Jänner

Offiziell fängt das Jahr im Jänner an. Gefühlt fängt es im September an. Das steckt seit der Volksschule in uns drin: neues Heft, neue Schuhe, neuer Anlauf. Wer im Sommer drei Wochen am Attersee gelegen ist und dabei gemerkt hat, dass die schönste Stelle des Tages der Moment war, in dem jemand anderer den Kaffee geholt hätte - der macht im September etwas damit.

Und es ist ja auch praktisch. Im Sommer sind alle unterwegs, halb Wien ist nicht in Wien, Verabredungen scheitern an Zugverbindungen und daran, dass man um halb elf abends noch immer nicht weiß, ob man jetzt ins Freibad oder nach Hause will. Im September ist man wieder erreichbar. Das klingt unromantisch. Es ist aber die halbe Miete.

Was sich im Ton verändert

Beziehungsforscher beobachten immer wieder, dass Menschen im Herbst gezielter suchen als im Frühling. Der Frühling ist verspielt, der Sommer ist flüchtig, der Herbst ist konkret. Man schreibt weniger „Hey :)" und öfter „Ich hab am Donnerstag Zeit, magst du auf einen Wein?".

Mir persönlich gefällt das. Der Sommerflirt hat seinen Charme, keine Frage, aber er lebt davon, dass er endet. Im September fragt niemand mehr, ob man sich „einmal irgendwann" sieht. Da wird ein Tag genannt.

Die kleine Falle dabei

Es gibt allerdings einen Haken, und der heißt Herbstpanik. Die Tage werden kürzer, das Licht wird um vier schon müde, und plötzlich wirkt jede Verabredung wie eine Prüfung: Ist er es? Ist sie es? Halte ich das noch einen Winter allein aus?

Genau da kippt die Sache. Wer aus Angst vor den langen Abenden datet, merkt das oft erst beim dritten Treffen, wenn schon ein Kalender geteilt und eine Wohnung besichtigt wird. Das ist keine Katastrophe, aber es ist unfair - sich selbst gegenüber und der anderen Person gegenüber.

Ein Test, der überraschend gut funktioniert: Stellen Sie sich vor, es wäre Juni. Draußen 28 Grad, alle Fenster offen, Ihr Terminkalender voll. Würden Sie diese Person dann auch treffen wollen? Wenn ja, gut. Wenn Sie zögern, ist es vielleicht eher die Dunkelheit, die spricht.

Wo man im Herbst realistisch jemanden trifft

Die Apps sind das Naheliegende, und sie funktionieren auch. Aber sie sind nicht das Einzige.

  • Volkshochschulkurse starten Ende September. Ein Sprachkurs ist deshalb so gut, weil man dort zwangsläufig miteinander redet und dabei alle gleich unbeholfen sind.
  • Der Heurige. Ganz banal.
  • Vereine, Chöre, Laufgruppen. Wer einmal im Regen gemeinsam durch die Lobau gelaufen ist, hat mehr Gesprächsstoff als nach vier Wochen Chat.
  • Und: die eigenen Freundinnen fragen, ob sie jemanden kennen. Altmodisch, unangenehm, wirkt aber erstaunlich oft.

Was ein gutes erstes Treffen im Herbst ausmacht

Kurz. Wirklich kurz. Eineinhalb Stunden reichen völlig. Ein Kaffee am Nachmittag, ein Glas Wein nach der Arbeit, ein Spaziergang durch einen Park, in dem gerade das Laub liegt. Kein Vier-Gänge-Menü, bei dem man zwischen Vorspeise und Hauptgang feststellt, dass man sich nichts zu sagen hat, und dann trotzdem noch das Dessert überstehen muss.

Und: Machen Sie sich nicht die Mühe, interessant zu wirken. Machen Sie sich die Mühe, interessiert zu sein. Der Unterschied ist riesig und man merkt ihn schon in den ersten zehn Minuten.

Was der Sommer hinterlässt

Es gibt noch einen Grund für die Septemberwelle, und der ist weniger charmant: Im August gehen auffällig viele Beziehungen in die Brüche. Drei Wochen gemeinsam am Meer sind ein ehrlicher Test, und manche bestehen ihn nicht. Wer Anfang September neu auf einer App auftaucht, ist also nicht selten frisch getrennt.

Das muss kein Ausschlussgrund sein, aber es lohnt sich, hinzuhören. Wenn jemand beim ersten Treffen zwanzig Minuten über die alte Beziehung redet, ist er noch dort. Das ist keine Bosheit, das ist einfach ein anderer Zeitpunkt als Ihrer. Fragen Sie ruhig, wann das letzte Mal etwas Längeres war. Die Antwort kommt bei den meisten Leuten überraschend offen.

Wenn es diesmal wieder nichts wird

Dann wird es halt nichts. Der September ist eine gute Saison, aber er ist keine Deadline. Es gibt keinen Stichtag, bis zu dem man jemanden gefunden haben muss, auch wenn sich das im Oktober manchmal so anfühlt, wenn die Nachbarin fragt, ob man heuer zu zweit auf den Christkindlmarkt geht.

Ziehen Sie den Mantel enger, gehen Sie los, lassen Sie sich Zeit. Der Herbst ist lang, und er ist überraschend gnädig zu Leuten, die es ohne Verzweiflung versuchen.

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