Es gibt diesen Moment, meistens beim Erzählen an eine Freundin, in dem man mitten im Satz stockt. Weil man merkt, dass man diese Geschichte schon einmal erzählt hat. Mit einem anderen Namen, vor zwei Jahren, in einem anderen Kaffeehaus.
Der September ist ein guter Monat für so eine Erkenntnis. Der Sommer ist abgerechnet, das Jahr hat noch vier Monate, und man hat plötzlich wieder Zeit zum Nachdenken.
Es ist keine Anziehungskraft, es ist eine Auswahl
Der Satz „Ich zieh immer die Falschen an" enthält einen kleinen Fehler, und der ist wichtig. Sie ziehen niemanden an. Sie wählen aus, und zwar unter sehr vielen Menschen.
Das klingt zuerst wie ein Vorwurf, ist aber eigentlich eine gute Nachricht. Denn eine Auswahl kann man ändern. Eine geheimnisvolle Anziehungskraft nicht.
Warum das Vertraute so stark zieht
Wir halten das für vertraut, was wir kennen, und wir halten das für richtig, was sich vertraut anfühlt. Diese zwei Sätze erklären erstaunlich viel.
Wer als Kind viel um Aufmerksamkeit werben musste, empfindet einen Menschen, der schwer zu erreichen ist, als spannend. Nicht weil es angenehm wäre, sondern weil das Muster bekannt ist. Der verlässliche Mensch, der zurückschreibt und sagt, was er meint, wirkt dagegen fad. Man nennt das dann „es hat halt nicht gefunkt".
Beziehungsforscher beobachten immer wieder, dass Menschen Aufregung und Anziehung schwer auseinanderhalten. Und Aufregung entsteht durch Unsicherheit. Deshalb fühlt sich das Ungesunde oft intensiver an.
Wie man das Muster findet
Nehmen Sie sich einen Abend und ein Blatt Papier. Schreiben Sie Ihre letzten drei, vier Beziehungen oder längeren Geschichten auf, und dann zu jeder drei Fragen:
- Wie hat es sich in den ersten Wochen angefühlt? Ruhig oder aufregend?
- Wann kam der erste Moment, in dem Sie sich unsicher gefühlt haben, und warum?
- Und: Was haben Sie an sich zurückgenommen, damit es funktioniert?
Die dritte Frage ist die unangenehmste und die aufschlussreichste. Bei den meisten wiederholt sich dort etwas ganz Konkretes. Immer dasselbe Stück, das weggeräumt wird.
Was man daraus macht
Nicht: nur noch mit dem Kopf entscheiden. Das funktioniert nicht und macht das Leben trocken.
Sondern: dem Vertrauten misstrauen, wenn es sehr schnell sehr stark wird. Wenn nach zwei Wochen alles brennt, ist das selten Liebe und oft ein wiedererkanntes Muster.
Und umgekehrt: Menschen eine dritte Chance geben, bei denen es angenehm war, aber unspektakulär. Ruhe ist kein Mangel an Gefühl. Sie ist nur ungewohnt, wenn man sie nicht kennt.
Der zweite Teil des Musters
Es gibt noch eine Ebene, die unangenehmer ist. Wir suchen nicht nur einen bestimmten Typ Mensch aus - wir bringen auch selber in jeder Beziehung dieselbe Rolle mit.
Die einen werden verlässlich zur Person, die alles organisiert, sich um die Stimmung kümmert und am Ende erschöpft ist. Die anderen ziehen sich verlässlich zurück, sobald es eng wird. Wieder andere machen sich klein, weil sie gelernt haben, dass Ansprüche gefährlich sind.
Die Rolle wechselt nicht mit dem Partner. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: An der eigenen Rolle kann man arbeiten, ohne auf irgendjemanden warten zu müssen. Und wer sich anders verhält, zieht andere Menschen an, ganz automatisch.
Der Nebeneffekt, den kaum jemand erwähnt
Wer sein Muster kennt, wählt nicht sofort anders. Meistens macht man es noch zwei-, dreimal genauso, nur merkt man es jetzt schon in der zweiten Woche statt im achten Monat.
Das ist ein enormer Fortschritt, auch wenn es sich nicht so anfühlt. Zeit, die man nicht verliert, ist Zeit, die man gewinnt.
Vorsicht vor der Selbstdiagnose
Eine Warnung, weil das Internet voll davon ist: Es kursieren unzählige Listen mit Bindungstypen und Persönlichkeitsschubladen, und es ist verführerisch, sich selbst und die Ex-Partner darin einzuordnen.
Ein bisschen davon hilft beim Sortieren. Zu viel davon ersetzt das Nachdenken durch ein Etikett, und Etiketten erklären nichts. Sie geben nur das gute Gefühl, verstanden zu haben.
Bleiben Sie lieber bei Ihren eigenen Beispielen. Was war der konkrete Abend, an dem es gekippt ist? Was haben Sie gesagt, was haben Sie geschluckt? Das ist mühsamer als eine Kategorie, aber es bringt Sie tatsächlich weiter.
Wann Unterstützung sinnvoll ist
Wenn Sie merken, dass es immer wieder auf dieselbe schmerzhafte Stelle zuläuft, dass Sie sich in Beziehungen regelmäßig selbst aufgeben oder dass alte Geschichten stärker mitreden als das, was gerade passiert, dann lohnt sich ein Gespräch mit einer Psychologin oder einem Therapeuten. Solche Muster sind zäh, und von außen sieht man sie schneller.
Zum Herbstanfang
Es ist September, die Abende werden früher, und in ein paar Wochen sind die Kastanien am Boden. Eine gute Zeit, um einmal ehrlich zurückzuschauen, ohne sich dabei fertigzumachen.
Sie haben nicht Pech gehabt. Sie haben gewählt, mit dem, was Sie kannten. Und was man kennt, kann man erweitern.



